Interview mit BLETA WEISS

Künstlerin und Mama

Der Clash von Identität und Kultur


Nach ihrem Studium in Fotografie und Bildende Kunst an der ZHdK und am Central Saint Martins war sie zunächst als Künstlerin aktiv. Nun hat die junge Mama und betreibt ihren ersten eigenen Kunstraum in Pristina eröffnet, nach wie vor einer von wenigen Orten im Kosovo, wo zeitgenössische Kunst stattfindet.

Was oder wer hat dich zu dem inspiriert, was du heute machst?

Dieser Kunstraum ist einer von ganz wenigen Orten in Pristina, wo zeitgenössische Kunst präsentiert wird. Es ist nicht wahnsinnig relevant fürs Land, da es immer noch ein Land ist, das mit Kriegserinnerungen zu kämpfen hat. Trotzdem ist es ein ziemlich grosser Schritt, um sich auch mal um andere Dinge zu kümmern als nur mit dem Kriegstrauma. Zurzeit zeige ich nur Künstler aus Zürich. Ich kehre das Ganze also wieder um. Viele Kosovaren sind in die Schweiz immigriert. Jetzt geschieht sozusagen das Gegenteil. Der Raum ist ein Non-Profit raum. Es ist ein Raum, bei dem ich bestenfalls bei Null rauskomme.

Was erhoffst du dir mit damit?

Seit ich mein Kind bekommen habe ist meine künstlerische Praxis in den Hintergrund getreten. Dieser Raum gibt mir die Möglichkeit einmal eine andere Perspektive auf die Kunst zu haben, nicht als Künstlerin, sondern als Kuratorin. In erster Linie geht es darum in einem Gebiet, in der Kunst noch nicht angekommen ist oder stattfindet, einen Austausch zu ermöglichen. Andererseits ist dieser Raum eine tolle Chance etwas auszuprobieren, zu sehen ob es funktioniert und Erfahrungen zu sammeln. Ganz ohne Stress. Es soll ein Raum für Möglichkeiten werden, wo etwas passieren kann. Ein Raum, wo Begegnungen und Austausch stattfinden können, nicht nur über die Kunst, sondern auch über Länder und Kulturen.

Wer oder was beeinflusst deinen Stil in deinem Schaffen?

Eine Ansammlung aus ganz unterschiedlichen Dingen. Rudimentär sind es immer Dinge, die handcrafted sind, die eine Tradition und Geschichte haben. Nachher kombiniere ich dies mit Highend-Elementen oder Elementen aus der Popkultur. Auf die Kunst bezogen könnte dies zum Beispiel ein Objekt aus Marmor. Das Material, also Marmor, ist klassisch und in der Kunstgeschichte extrem aufgeladen. Die Umsetzung dann ist an die Popkultur angelehnt. Auf Mode bezogen könnte das gehäkelte Kleidung sein, das Motiv aber etwas Zeitgenössisches. Mich faszinieren diese eklektischen Kombinationen, der Clash von high und low.

Wurden dir im Leben auch mal Hürden gestellt? Was hat dich ermutigt?

Das waren wahnsinnig viele Hürden! Die verschiedenen Länder brauche ich gar nicht erst erwähnen. Grundsätzlich aber war der Drang nach Verwirklichung immer grösser als jede Hürde.

Wer oder was ist für dich eine Macherin?

Macherinnen sind für mich häufig Frauen, die die etwas machen, was andere nicht unbedingt können. Das mag seltsam klingen, meist aber sind dies Menschen, die nicht repetitiv schaffen, die selbst gelernt haben und etwas Neues machen. Es spielt überhaupt keine Rolle aus welchem Fachgebiet sie sind. Meist sind es Frauen, die eher im Hintergrund agieren, die wir nicht unbedingt aus den Medien kennen. Wir haben alle Menschen im Umfeld, die etwas gut können. Ob die Person damit erfolgreich ist oder nicht, ist irrelevant. Was relevant ist, ist dass etwas entsteht, ganz gleich ob das ein Handwerk ist, ein Kuchen oder ein Gedicht.

Interview mit FLAKA JAHAJ

Designerin und Stylistin

Zurück zu Handwerk und Wurzeln

Sie gehört zu den talentiertesten Designer*innen der Schweiz. Flaka studierte Modedesign in Paris und lehrte bei den Besten, bevor sie sich am Central Saint Martins auf ihre Essenz, Strick, spezialisierte. Unter ihrem Label IAHAI fertigt die gebürtige Kosovarin begehrenswerte Kollektionen, in denen innovative Designs auf traditionelles Handwerk treffen.

Was hat dich zu dem inspiriert, was du heute machst?

Das entstand intuitiv. Ich komme aus einem Land mit sehr traditionellen Lebensformen. Die industrielle Entwicklung ist dort nicht so weit, das Land aber kulturell sehr reich. Meine Grossmutter lehrte mir schon als Kind handwerkliche Werte wie Qualität und Präzision. Als wir als Kind aus dem Kosovo in die Schweiz kamen, war die Schweiz lustigerweise auch eher konservativ und handwerklich. In der Primar hatte ich noch Handarbeit. Dort lernte ich alles was es braucht, um eine gute Hausfrau zu sein! Dieser Vorteil hat mir für mein Studium in Paris sehr geholfen. Die Lehrer sagten immer: Ach Flaka, kannst du nicht mal mit deinem Häkel-Zeugs aufhören? Mach doch mal eine Kollektion aus Stoff!

Was motivierte sich, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen?

Während der Zeit als Assistentin bei Rick Owens habe ich gemerkt, dass ich viel Zeit in einem Betrieb verbringe, der nicht meins ist. Ich realisierte, dass ich für meine Entwicklung selbst etwas tun muss und habe mich in London beworben. Das Master Studium war extrem streng, doch die beste Entscheidung in meinem Leben. Jeder kommt mit seinem Rucksack, der analysiert und mindestens um die Hälfte reduziert wird. Der Rest wird geformt. Das ist ein krasser, extrem intensiver aber wunderschöner Prozess. Man wird ausgepresst wie eine Zitrone. Was bleibt ist das Öl, die Essenz von dem was ich heute mache. Mit meiner Diplomkollektion habe ich direkt den «Swiss Design Award» gewonnen. Für mich war das ein wichtiger Schritt in der Bestätigung als Designerin. Aber auch finanziell wie professionell ermöglichte der Award mir den Startschuss, um das zu machen was ich will.

Wer oder was beeinflusst deinen Stil?

Der Modeindustrie stehe ich heute kritischer gegenüber. Ökonomische Missstände oder Unternehmensstrukturen von Luxuslabels haben mich stark geprägt. Mir ist das Gewissen extrem wichtig. Ethische Werte wie Handwerk und eine faire Produktion stehen weit über meinem Schaffen. Selbst wenn es nur ein Millimeter ist, versuche ich zumindest diesen Millimeter dem Massenkonsum entgegenzuwirken. Natürlich finde ich Fashion nach wie vor extrem interessant und ansprechend. Ich bin ja selbst Ästhetin. Dennoch habe ich das Gefühl, dass wir in eine Richtung steuern ohne Ende und wir dieses Ende nur schaffen können, indem wir bewusst in eine gegensätzliche Richtung gehen. Daher auch die Umkehr zurück zum Handwerk mit meinem Label.

Deine Kollektionen werden in Zürich designt und von Hausfrauen in Pristina produziert. Ein bewusstes Bekenntnis zu deinen Wurzeln?

Absolut, doch in der albanischen Kultur ist das schwierig. Migranten aus der Generation meiner Eltern sind extrem verbunden mit dem Heimatland. Der Kosovo wird fast schon über-zelebriert. Eine Zeit hatte ich beinahe eine Aversion dagegen. Vielleicht ist das ein Grund, warum ich nach Paris bin. Selbst in der Schweiz war die Identität als Albanerin omnipräsent. Plötzlich hat sich das Blatt um 180 Grad gewendet. Ich habe realisiert, dass ich einen Vorteil habe, gerade weil ich aus zwei Kulturen komme, gerade weil ich zwei Herzen in mir habe und diese auf wundervolle Art verbinden kann. Aus einem gefühlten Nachteil wurde ein Vorteil. Zudem geht es darum, Know-how zu sichern, das sonst verloren gehen würde.

Wer oder was ist für dich eine Macherin?

Jemand, der sich mit Vergangenem, mit der Gegenwart und der Zukunft befasst und aus diesen drei Elementen etwas schöpfen kann. Schöpfen finde ich ein schönes Wort. Man schöpft aus einem Topf von Vorhandenem und modelliert aus einer Reflexion und Vision etwas Neues daraus, das nachhaltig ist und den Menschen voranbringt.