Interview mit Anna-Thea Jäger

MACHERIN | ANNA THEA JAEGER, UPCYCLING-PIONIERIN

Anna-Thea Jaeger, Co-Gründerin des Upcycling-Labels Ponyhof Vintage, war 13 als ihre ältere Schwester Patrizia sie zum ersten Mal in ein Brockenhaus mitnahm. Die Erinnerung an das Herzklopfen, einen Chanel-Jupe für 2.50 Franken zu kaufen, treibt sie bis heute an. Mit ihrem Label ‚pimpt’ sie Vintage-Trouvaillen und verkauft sie online. 

Für Jaeger ist Mode eine Form, sich mutig immer wieder in neuen Bildern zu imaginieren. Sogar mit der Prämisse, wie sie im modissa-Interview lachend erzählt, dass auch sie schon „oft daneben gegriffen und doof ausgesehen“ habe.

Interview: Martina Bortolani

Sind Secondhand-Kleider endgültig salonfähig geworden?

Sicher nicht in allen Kreisen, aber sie legen ihr „Budget-Stigma“ langsam ab. Am Preis alleine liegt es nämlich nicht mehr, leider kriegt man Fast-Fashion-Teile ja auch unverhältnismässig  günstig. Nach charmanten Einzelstücken Ausschau zu halten, ist heute zum ökologischen Statement geworden. Wer Dinge wieder verwertet, schont die Ressourcen.

Sie streunten schon durch Brockenhäuser lange bevor Begriffe wie Vintage oder Upcycling hip wurden?

Patrizia, meine ältere Schwester, zeigte mir in unserer Heimatstadt St. Gallen, das erste Mal ihr Lieblingsbrocki. Es war für mich ein magischer, aber auch kurioser Ort. Als Teenager ging ich dann zusammen mit meiner Freundin Nora Dähler auf Jagd. Mit ihr gründete ich das Label Ponyhof Vintage.

Ihre Geschäftsidee, Secondhand-Material zu ‚pimpen’, hat Erfolg.

Ponyhof Vintage entstand mit spielerischer Unbeschwertheit und nicht, um damit reich zu werden. Zuerst verkauften wir unsere Trouvaillen nur an Freunde, dann organisierten wir einige Pop-up-Shops in St. Gallen. Seit 2012 sind wir online.

Upcycling ist weltweit ein interessanter Geschäftszweig. Gefällt Ihnen, dass dieser Mikrotrend immer stärker kommerzialisiert wird?

Ich finde es grossartig! Je mehr Menschen sich über die Haltbarkeit von Alltagsgegenständen Gedanken machen, desto besser. Die Neigung, gebrauchten, gepflegten Sachen neues Leben einzuhauchen, hat rasant zugenommen. Das historische Erbe und die Geschichte sind sozusagen in die Stoffe mit eingewoben.  

Neudeutsch: Storytelling.

Richtig. Die Wiederverwertung schafft Echoräume. Kriterien wie Neuwert und Label relativieren sich laufend, dafür prägt die Sinnfrage das Konsumverhalten der Menschen umso stärker.

Welches sind Ihre Lieblingsstücke?

Ein gelbes Kleid aus einer St. Galler Lochspitze und ein fliederfarbener Chanel-Jupe, den ich vor über zehn Jahren für 2.50 Franken gekauft habe. Ich hatte Herzklopfen als ich ihn entdeckte. Genau dieses Gefühl treibt mich an: Wenn etwas von formidabler Qualität ist und historische und kulturelle Assoziationen in mir weckt.

Sie sind die perfekte intellektuelle Fashionista.

Fashion ist Forschung (lacht). Natürlich habe auch ich immer wieder mal daneben gegriffen und ziemlich doof ausgesehen. Aber ich bin stolz auf meine über Jahre sorgfältig gewachsene Garderobe.

In die Sie via Instagram Einblick gewähren.

Insta ist Ausdruck unserer Zeit, meine Generation orientiert sich so. Das Internet bietet spielerisch die Möglichkeit, unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung zu inszenieren. Die Looks verweben sich aus allen Ländern und Kulturen, was wiederum auch zur visuellen Angleichung der Masse führt.

Ihre Masterarbeit an der Universität St. Gallen trägt den Titel „Identitätsdesign im Zeitalter digitaler Technik“. Erklären Sie doch bitte Ihre These.

Kurz gesagt, geht es darum, wie wir in unserer Konsumgesellschaft zu „Kuratoren“ unseres persönlichen Lebensstils geworden sind. Die scheinbare Offenheit unserer multioptionalen Gesellschaft führt dazu, dass wir durch das Verknüpfen verschiedener Narrative unsere Identität sozusagen konstruieren dürfen oder gar müssen.

Wer hat Sie modisch geprägt?

Meine Schwester Patrizia. Sie lebte mir vor, wie man sich immer wieder in neuen Bildern imaginiert. Patrizia ist eine sehr autarke Persönlichkeit.

Sind mutige Menschen schöner?

Ich urteile nicht gerne über andere. Mut an sich ist ja schon eine Form der Schönheit. Man soll sich darstellen, darf sich  getrauen - unabhängig vom Urteil der anderen.